| |
Bahn-Bashing-Brei in flachem Wasser
• • • • • (bewertet mit 1 von 5 Punkten)
Ich bin kein Fan der Deutschen Bahn. Als Vielfahrer ärgert mich das Unternehmen im Wochentakt, als angehender Fachmann und Student im Eisenbahnbereich kratze ich mich nur all zu oft über diesen Saftladen am Kopf. Vor diesem Hintergrund habe ich das nun vorgelegte Schwarzbuch gelesen und war vor allen Dingen eins: enttäuscht.
In zehn Kapiteln (knapp 300 Seiten) beleuchten Christian Esser und Astrid Randerath das Unternehmen Deutsche Bahn aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie berichten von schlechtem Kundendienst, Fehlentscheidungen, dem miesen Umgang mit den eigenen Mitarbeitern, der Haus-und-Hof-Gewerkschaft Transnet, Sicherheitsmängeln sowie dem Umgang mit Journalisten, der Umwelt und der Politik. In einem gut zehnseitigen Plädoyer sprechen die Autoren sich abschließend für einen umfassenden Neuanfang der DB AG aus.
Inhaltlich liefert der Text dem interessierten Leser kaum Neues. Was die Autoren schreiben, war weitgehend schon woanders in ähnlicher Form zu lesen. Einzig einzelne Interviews mit verschiedenen Mitarbeitern von DB, Eisenbahn-Bundesamt und mehr vermitteln hier wirklich neue Perspektiven -- wobei es den Autoren nicht gelingt, sachlich-fundierte Kritik von ideologischen geprägten Einzelmeinungen frustrierter Mitarbeiter zu trennen. Wie sonst ist es zu erklären, dass beispielsweise das Fehlen von Lokführer-Toiletten im ICE zum Problem stilisiert wird?
Dem Text mangelt es in meinen Augen vor allen Dingen an Konsistenz. So fordern die Autoren mal einen besseren Taktfahrplan, ein paar Seiten weiter aber implizit eine höhere Auslastung der Fernzüge mit Verweis auf die SNCF -- die eben nicht nach Takt, sondern strikt nach Nachfrage fährt. Mal soll das Schienennetz im ländlichen Raum ausgebaut werden, um wenig später die hohen staatlichen Zuschüsse zu kritisieren. Die hohe Verschuldung des Unternehmens wird kritisiert, aber der Gewinn könne doch für dieses und jenes verwendet werden. Wie passt das zusammen?
Hintergründe, wie Rahmenbedingungen von Gesellschaft, Verkehrspolitik und Technik, bleiben weitgehend außen vor. Den Eindruck, dass die Autoren eine echte sachliche Abwägung und eine entsprechend fundierte Kritik vorgenommen hätten, hatte ich an keiner Stelle. Dass schwarz gemalt, indem alle irgendwie greifbaren belastende Argumente nach vorn geworfen werden, während entlastende sachliche Hintergründe nahezu durchweg ausgeblendet bleiben, mag man einem Schwarzbuch nicht weiter zum Vorwurf machen.
Schwerer wiegt für mich der Eindruck einer sachlich nicht fundierten Recherche. An dutzenden Stellen wirkte die Darstellung über die Maßen stark vereinfacht oder war schlicht sachlich unzutreffend. So wird die immer wieder kursierende Zahl von "schätzungsweise 1000 Personenunglücken" (S. 116) pro Jahr geliefert, während der EBA-Sicherheitsbericht klar von gut 720 Fällen pro Jahr spricht. Schlicht falsch sind beispielsweise Behauptungen, die Kosten der Neubaustrecke Köln--Rhein/Main hätten sich auf 6,4 Milliarden Euro verdoppelt (S. 65), Thilo Sarrazin wäre Mitglied im DB-Konzernvorstand gewesen (S. 104), nur in Deutschland würden Hochgeschwindigkeitszüge im konventionellen Netz verkehren (S. 186) oder Lokführer könnten ungebremst in Baustellen fahren (S. 204). Bei manchen Fehlern habe ich mich an den Kopf gekratzt, wie kurzsichtig zwei Berufsjouranlisten eigentlich sein können. So wird der Begriff "Abhören" auf einem Screenshot des Programms "netstat" auf S. 148 f. als Beleg für Abhörmaßnahmen an Mitarbeitern angeführt -- selbst ohne einen gewissen IT-Sachverstand lässt sich in Sekunden ergoogeln, das dies das normale Verhalten eines Netzwerk-PCs ist...
Weiter entwertet wird der Text aus meiner Sicht dadurch, dass die Autoren für den Großteil ihrer Behauptungen und Darstellungen -- selbst für wörtliche Zitate -- keine Belege liefern. Auf rund 250 Seiten Reintext kommen gerade einmal rund 60 Fußnoten. Es gelingt dem Text an vielen Stellen nicht, zwischen Fakt, Behauptung und Mutmaßung zu trennen. So bleibt beispielsweise unklar, ob die DB wirklich eines der besten Lobbynetzwerke der Republik habe (oder ob das nur die Meinung der Autoren ist).
Das Durcheinander aller möglichen Bahn-Bashing-Argument mag dadurch zu Stande gekommen sein, dass es den Autoren offenbar an echtem Sachverstand fehlte. Dass Fachbegriffe an dutzenden Stellen verwechselt und mitunter ulkige neue Formen kreiert werden, mag ein überdeutlicher, prägnanter Ausweis sein. Munter verwechselt werden elementare Fachbegriffe wie "Zugführer" und "Lokführer", "Triebwagen", "Triebköpfe", "Triebzüge" und "Lokomotiven", "Kollision" und "Zusammenstoß", "Verbindung", "Strecke" und "Relation" und dergleichen Dingen mehr. Bei humorvollen Spitzen wie "Notausgängen" im ICE (S. 173), "Doppelstockwagen der Marke Dostos" (S. 226) und "Triebkopfführern" (auf Loks, S. 198) blieb mir irgendwann das Lachen im Halse stecken. Seriöser Fachjournalismus sieht sicher anders aus. Natürlich muss ein für die breite Öffentlichkeit geschriebenes Buch eine verständliche Sprache finden -- aber gerade von wahren Fachjournalisten sollte man erwarten, diese Brücke mit Bravour zu schlagen. Nicht zuletzt durch die Vielzahl an rein handwerklichen Fehlern disqualifiziert sich das Buch als fundierte Kritik in meinen Augen selbst.
Einzelne positive Momente, darunter ein Teil der Interviews, Auszüge aus Protokollen der Datenschutz-Ermittlungen und hervorragende Karikaturen, könnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwei Autoren ohne wirklich schlüssiges Konzept und Fachwissen ein Buch vorgelegt haben, das vor allem einem Zweck zu dienen scheint: Geld zu machen und Publicity zu generieren.
Im Grunde fasst es die am Ende des Buches zitierte E-Mail-Antwort von Herrn Mehdorn, der eine Beteiligung an dem Buch ablehnte, treffend zusammen, was diesem Buch zum Vorworf zu machen ist. Es ist eine der "vielen Publikationen (...), die außer Effekthascherei kein ehrliches Bemühen um sachliche Inhalte" haben. Dazu ist eigentlich nichts weiter zu sagen.
Eine Rezension von bigbug21 > Dresden
vom 25. Februar 2010 |