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| Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen von
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Die abschreckendste Art, Literatur zu empfehlen
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Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen (Taschenbuch) DAS KONZEPT
<Die Leseliste - Kommentierte Empfehlungen> soll, ihrem Vorwort zufolge, durchaus keine Bestenliste darstellen, sondern geht von dem Kriterium aus, Werke auszuwählen, die für eine bestimmte Zeit oder Denkrichtung besonders repräsentativ sind oder in besonderer Weise neue Denkrichtungen eröffnet haben. <Diese Konzeption>, so heißt es, <reagiert vor allem auf die Orientierungsbedürfnisse derer, die nicht ausschließlich zur Unterhaltung und zum poetischen Genuß, sondern mit fachlichem Interesse lesen wollen.>
Im Folgenden wird auf die alte Diskussion verwiesen, ob es überhaupt z.B. in der Germanistik feste geben sollte oder nicht, und eine Stellungnahme zu dieser Frage wird elegant umschifft, um dann sogleich bei einer Daseinsrechtfertigung der vorliegenden Auswahl von rund 600 Werken anzulangen. Diese soll darin bestehen, zugleich das angabegemäß aus dieser Diskussion erkennbare Bedürfnis nach <Hilfestellung im Gewirr der Weltliteratur> zu erfüllen und zugleich <zum eigenständigen Lesen und Weiterlesen> zu motivieren, ferner zur <kritischen Revision> zu <motivieren>.
DER INHALT
Das Buch enthält auf 206 Seiten ca. 600 Einträge. Der Schwerpunkt liegt dabei naheliegenderweise auf der deutschsprachigen Literatur, die weitestgehend nach den etablierten Kategorien sortiert ist: Mittelalter Humanismus und Reformation Barock Aufklärung Sturm und Drang Klassik Romantik Biedermeier und Vormärz Bürgerlicher Realismus Naturalismus bis Expressionismus Weimarer Republik und Drittes Reich Literatur seit 1945: BRD, Österreich und Schweiz Literatur der DDR
Dies ergibt etwa 104 Seiten. Der älteste Eintrag ist das Hildebrandslied aus dem 9. Jh., die neuesten Einträge sind Christoph Ransmayrs <Die letzte Welt>, Botho Strauß' <Anschwellender Bocksgesang>, Christian Krachts <Faserland> sowie eine Lyrikanthologie von 1996.
Ein repräsentativer Eintrag lautet z.B.:
Christoph Ransmayr Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovidischen Repertoire.
ED: Nördlingen 1988.
Roman, der die mythologischen Verwandlungssagen (Metamorphosen) des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. bis 17/18 n. Chr.) in einem düster-zeitlosen Raum zwischen Antike und Gegenwart wiederbelebt und die These vom <Tod> bzw. <Verschwinden> des <Autors> (Barthes/Foucault) erzählerisch realisiert.
Abgesehen davon, daß ich die verschwenderische Verwendung von Anführungszeichen in gerade diesem Eintrag für reichlich pseudoakademisch-manieriert halte, weil sie dem Lesenden schlicht nicht das Geringste mitteilt, ist auch die Beifügung <(Barthes/Foucault)> nirgends vervollständigt und findet sich auch in der Bibliographie nicht wieder. Der Eintrag insgesamt wird dem Buch nicht gerecht und faßt seinen Inhalt derart dehydriert zusammen, daß neben dem Aspekt der möglichen Lesefreude (o welch böses Wort für Literaturwissenschaftler!) auch keine Begründung dafür erkennbar ist, warum dieses Buch überhaupt für diese Liste ausgewählt wurde (wobei ich im Unterschied zu den unsäglich langweiligen und pseudobedeutungsschwangeren Werken von Botho Strauß dieser Auswahl dennoch durchaus zustimme).
Insgesamt ist deutlich spürbar bis zur 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Auswahl recht abgesichert und sattelfest - zumindest aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Es ist eigentlich kein einziger Titel dabei, der als überraschend angesehen werden könnte. Deutlich unsicherer werden die Herausgeber, wenn sie sich der Gegenwart nähern und eigene Entscheidungen treffen müssen, und neben den wenigen anerkannt hochwertigen Bestsellern aus deutscher Feder - obiger Ransmayr, Nadolnys <Die Entdeckung der Langsamkeit> und wenig mehr zieht man sich auf die unangreifbaren Akademikerlieblinge zurück: Strauß, Handke, Kühn, und 'neuerdings' Jelinek.
Aber schauen wir doch erstmal die zweite Häfte des Buches an, die einige Länderliteraturen mit ihren wesentlichen Werken abzubilden behauptet:
Orientalische und asiatische Literaturen Griechische Literatur Lateinische Literatur der Antike Lateinische Literatur des Mittelalters Italienische Literatur Französische Literatur Spanische und portugiesische Literatur Lateinamerikanische Literatur Russische Literatur Skandinavische Literatur Englische Literatur Nordamerikanische Literatur
Daß einige Länderliteraturen - Niederlande, Skandinavien usf. - gleich ganz ausgelassen werden, wird damit begründet, daß man sich auf jene Literaturen beschränken wollte, die in Wechselwirkung mit der deutschen Literatur standen. Offenbar gilt dieses Ausschlußverfahren auch für die aufgenommenen Literaturen, und das insgesamt 4(!)seitige Kapitel über orientalische und asiatische Literatur enthält außer den frühesten Großwerken - Gilgamesch-Epos, Rigveda, Altes und Neues Testament, Bhagavadgita u.a. - schlichtweg gar nichts. Spätestens hier fragt man sich, warum sich die Herausgeber nicht doch etwas schämen, im Vorwort den Begriff der <Weltliteratur> überhaupt in den Mund zu nehmen, denn diese Leseliste ist ganz offensichtlich so lichtjahreweit entfernt davon, eine <Hilfestellung im Gewirr der Weltliteratur zu sein> wie ein Stadtplan von Bottrop als Navigationshilfe für Gesamtdeutschland.
Die Auswahl der Werke, welche angabegemäß die jeweilige Länderliteratur repräsentieren, bleibt wiederum ohne große Überraschungen. Bei den vergangenen Jahrhunderten werden - mehr oder weniger reflektiert - die unangreifbaren Klassiker gewählt, die Annäherung an die Gegenwart erfolgt mit spürbarer Unsicherheit, auch aus den wenigzeiligen Anmerkungen zu jedem Buch wird nicht immer erkennbar, warum das Werk jeweils ausgewählt wurde. Falls die Herausgeber auch hier wieder das Kriterium der Wechselwirkung mit der deutschsprachigen Literatur vor Augen hatten, sollte das doch eigentlich aus Auswahl und Darstellung ersichtlich sein, oder?
Jetzt schaue ich doch mal andersherum: wie werden denn Werke, die ich schon kenne, dargestellt? Da ich mich mit der englischen Literatur am bewandertsten fühlen darf, schaue ich dort. Soso, Morus' <Utopia> hat angeblich die Gattung der Utopie begründet. Da hat man sich aber doch etwas vertan, denn nur weil die Gattung der Utopie ihren Namen daher hat, ist Morus Werk keineswegs das erste seiner Art - man denke z.B. an Platons . Naja, hier sind die Damen und Herren Germanisten wohl nicht so zuhause. Aber das lasse ich als ohnehin gerne und oft wiederholten Fehler mal stehen.
Die anderen von mir recherchierten Werke - z.B. Sternes <Tristram Shandy> oder Fieldings <Tom Jones> - sind gleichzeitig völlig korrekt und dennoch zur Unerkennbarkeit dehydriert wiedergegeben, ähnlich wie die Röntgenaufnahme einer toten Nachtigall absolut nichts über ihren Gesang aussagt, ohne deswegen falsch zu sein.
Abschließend ist dem Buch eine Auswahlbibliographie beigegeben, die jedoch für niemanden außer den wenigen, die womöglich über das Thema Literaturkanon promovieren, von irgendeinem Interesse sein könnte. Ein Register wäre sicherlich angebrachter gewesen, dieses aber fehlt.
FAZIT
Es ist sicherlich gut und richtig, den Verkaufserfolg von Büchern nicht als Qualitätskriterium heranzuziehen, denn bekanntlich sind auf den mehr oder weniger repräsentativen Bestsellerlisten stets auch zahlreiche Titel vertreten, deren Erfolg auf völlig buchinhaltsfremde Kriterien zurückgeht: geschickte Werbung, purer Zufall, exhibitionistisches Interesse an 'Enthüllungen', die Prominenz des Autoren in einem anderen Bereich, Verriß durch Reich-Ranicki, gutes thematisches Timing etc. etc. - von dem Umstand, daß manche zunächst schwerverkäuflichen Titel gerne als Bestseller deklariert werden, um dann im Wege einer self-fullfilling prophecy nachträglich welche zu werden, ganz abgesehen. Aber ob die hier vorgestellte Herangehensweise wirklich besser ist?
Den Anspruch, eine repräsentative Vorschlagsliste für die gesamte Weltliteratur zu liefern, erfüllt das Buch auch nicht ansatzweise, dafür ist es viel zu 'germanozentrisch'. Den HerausgeberInnen kann das evtl. nur bedingt vorgeworfen werden; hier mögen Titelgebung und Verlagswerbung schlicht etwas irreführend geraten sein.
Kann es denn wenigstens den Anspruch erfüllen, hoffnungsvollen Germanisten eine Hilfestellung zum <eigenständigen Lesen und Weiterlesen> und zur <kritischen Revision> zu bieten, wie es das Vorwort verspricht?
Jain und Nein.
Jain, weil derjenige, der sich nach diesem Kanon richtet, sicherlich innerhalb der betont elitären und leserealitätsfremden Welt der Germanistik nicht fehlgehen kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß wer Literatur liebt, besser Literatur nicht studieren sollte, denn zumeist wird dort rezipiert und rezipiert und rezipiert, aber nicht gelesen - was man zahlreichen bis zur völligen humorfreien Lächerlichkeit gehenden sekundärliterarischen Fehldeutungen des Faches auch deutlich anmerkt. Wer sich jedoch mit... Lesen Sie weiter... ›
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 30. Dezember 2007 | | |
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